Moose Factory, 30. August 2003

Ausflug an die James Bay

Du kannst unser Land von Ost nach West durchqueren, was wir vor einigen Jahren mit dem Auto von Vancouver nach Toronto gemacht haben, oder du kannst in den hohen Norden fahren, um sich von den Weiten Kanadas faszinieren zu lassen. Auf jeden Fall braucht es ein langes Wochenende, um zumindest einen kleinen Ausschnitt davon zu erfahren.

Rund 800 km nördlich vom Ontario-See nach etwa 12 Stunden Autofahrt einschliesslich der menschlich bedingten Pausen gelangst du nach Cochrane, Ontario. Die Kleinstadt mit ein paar tausend Einwohnern ist das lokale Versorgungszentrum. So reihen sich entlang der Hauptstrasse Supermärkte, Baumärkte, Autohändler, Werkstätten und Motels auf. Der Highway 11, eine ausserhalb geschlossener Ortschaften ganz normale zweispurige Strasse und der nördliche Teil des berühmten Transkanada-Highways macht hier eine weite Kurve und schwingt nach Westen. Nach weiteren 800 km Richtung Westen kommst du nach Thunder Bay, einer Industriestadt am Nordufer des Grossen Sees. Und leg' noch einmal 500 km dazu, dann bist du an der Westgrenze Ontarios. Falls du lieber die Nordgrenze von Ontario so in der Gegend von Fort Severn besuchen möchtest, hast du von Cochrane aus noch weitere 1.000 km vor dir. Aber nimm dir Zeit, denn dies geht nicht mehr mit dem Auto, sondern  du musst mangels Strassen ein Boot oder ein Wasserflugzeug mieten.

Oder benutze die Eisenbahn -- zumindest für die ersten 350 km nach Norden bis zur Ortschaft Moosonee. Cochrane ist nämlich die Drehscheibe der Ontario Northland Eisenbahngesellschaft. Ontario Northland ist eine staatliche Gesellschaft, die Fracht im Norden Ontarios transportiert und damit für eine Reihe von abgelegenen Siedlungen die einzige, halbwegs zuverlässige Versorgung darstellt. Ausserdem betreibt sie Personenzüge, und zwar (1) den "Ontario Northland", eine 12 Stunden Nachtverbindung von Toronto nach Cochrane, und (2) den "Eisbär Express", eine tägliche Non-Stopp-Verbindung von Cochrane nach Moosonee und zurück. Von September bis Mai verkehrt dieser Zug nicht; dann ist die einzige Verbindung dorthin der an einigen Wochentagen, aber ganzjährig verkehrende "Kleiner Bär Express". Dieser Zug führt Güter- und Personenwaggons mit sich und hält viele Male bei abgelegenen Camps der Elektrizitäts- und Holzindustrie. Und der tollste Service ist, dass du der Bahngesellschaft mitteilen kannst, an welchem Streckenkilometer du ein- oder aussteigen willst; der Zug stoppt dann nur für dich in der Mitte der Wildnis.

Wir (d.h. Olga, unser Besuch aus Deutschland, Karin und Rainer) machten uns mit dem Auto auf den Weg nach Cochrane, weil die Zugfahrt von Toronto nach Cochrane nicht in unseren Terminplan passte. Am 29. August kamen wir am späten Nachmittag in Cochrane an. Wir übernachteten im Station Inn (dem Bahnhofs-Hotel), das ein Teil des nett renovierten Bahnhofs ist.

Am nächsten Morgen ging es dann bequem nur noch die Treppe hinunter  zum Bahnsteig (mit Umweg zwecks Frühstücks in der Bahnhofsgaststätte). Nach den üblichen Erinnerungsfotos bestiegen wir den "Eisbär-Express", der pünktlich um 8:30 Uhr Cochrane verließ.

"Es ist die Reise, nicht das Ziel" ist das richtige Motto für diesen Ausflug. Die Strecke bietet grossartige Aussichten auf majestätische Flüsse, Sumpflandschaften, klare Seen und dunkle Wälder. In dieser Region findet der Übergang von der Baumzone zur arktischen Tundra statt. Hinweise auf menschliches Schaffen sind selten: ein paar Hochspannungsleitungen, ein Staudamm und ein paar Abeiter-Camps. Im Gegensatz zum kleinen Bruder im Winter passiert der "Eisbär-Express" diese Stellen mit einer ganz passablen Durchschnitts-Geschwindigkeit von rund 80 km/h. Die Reisezeit nach Moosonee beträgt etwa vier Stunden.

Unser Zug war mit etwa dreihundert Passagieren praktisch ausgebucht -- fast alles Touristen, die sich  kurz nach Mittag in die kleine Ortschaft Moosonee ergossen. Rund 80 % der ungefähr 2.000 Einwohner gehören den einheimischen Cree an. Für ein Viertel der Einwohner ist Cree die einzige gelernte und verstandene Sprache.

Die Ortschaft liegt am Westufer des Moose River (des Elch Flusses) knapp 20 km vom Salzwasser der James Bay entfernt.

Ein kurzer Ausflug in die Erdkunde: der Moose River, gespeist von vielen Seitenarmen (die bekanntesten sind der French River und der Abitabi River), mündet in die James Bay. Diese Bucht bildet das Südende der Hudson Bay und ist etwas grösser als der Grosse See. Die Hudson Bay selbst ist einer der weltweit grössten Meerbusen und als solcher Teil des Nordmeers. Zum besseren Verständnis der Grösse für unsere deutschen Leser: ganz Deutschland passt flächenmässig spielend in die Hudson Bay. Effekte der Gezeiten sind noch etwa 30 km flussaufwärts zu spüren. Im Winter friert die Hudson Bay zu; dann müssen selbst schwere Schleppkähne aus dem Wasser genommen werden, weil der Eisdruck deren Stahlwände zerknautschen würde.

Moosonees Entwicklung begann vor gut 400 Jahren mit der Ankunft französischer Pelzhändler der in Paris angesiedelten Firma Revillon Freres (heutiger Firmenname Revlon). Die Ansiedlung von Cree in der Nachbarschaft des Handelspostens markiert den Anfang der lokalen Geschäftstätigkeit.

Heute ist Moosonee die Drehscheibe der Versorgung für die weiter nördlich an der James und Hudson Bay gelegenen Siedlungen. Letztendlich alles, von der Baby-Windel bis zum Wohn-Container, jede Schraube und jeder Liter Treibstoff müssen von der Eisenbahn umgeladen werden, und zwar während der eisfreien Zeit vorzugsweise auf Schleppkähne oder auf spezielle LKW-Anhänger, die zu mehreren von schweren Zugmaschinen, meist mit Kettenantrieb, auf Trails über Land gezogen werden, vorausgesetzt der Boden ist nicht zu aufgeweicht. Einige Einheimische aus nicht zu grosser Entfernung kommen in den kurzen Sommermonaten auch mit ihrem allradgetriebenenen Fahrzeug zum Einkaufen nach Moosonee.

Der Flughafen von Moosonee wird regelmässig von AirCree angeflogen. Von hier sind dann kleinere Flugzeuge und Hubschrauber die relativ wetterunabhängige Verbindung zu den Aussenposten und Siedlungen im hohen Norden des Landes, unabdingbar für wichtige persönliche Anlässe, für leichte Fracht und für Notfälle.

Während des kalten Krieges war Moosonee eine wichtige Station des nördlichen Abwehrgürtels der NATO. Der Abzug des Militärs vor kanapp zehn Jahren vernichtete einen Teil der ohnehin knappen Arbeitsstellen. Die von den Truppen verlassenen Gebäude werden heute  für neue Ansiedlungen, für das Gesundheitswesen und für den Ausbau der weiterführenden Schule genutzt.

Die Moosonee High School ist ohnehin eine ganz besondere Schule. Wo sonst gibt es eine Schule, an der Helikopter den gelben Schulbus ersetzen? Hier ist es eine Notwendigkeit, denn im Herbst und im Frühjahr, wenn das Eis auf dem Fluss nicht fest genug ist, ist dies die einzige Verbindung zur Schule, wenn man auf der anderen Seite des Fluisses wohnt. Einmal fest zugefroren, fährt der Schulbus übers Eis. Und im Sommer geht es mit dem Schulbus auf die Fähre oder per Wassertaxi über den Fluss. Wassertaxis sind kleine Motorboote, die eine Art öffentlichen Nahverkehr in der Inselwelt des unteren Flusslaufes anbieten.

Der örtliche Bus- und Fährunternehmer begrüsste uns (und alle anderen mit voraus gebuchtem Ticket) am Bahnhof. Dann schaukelten wir mit einem Schulbus zur Besichtigung der wesentlichen Bauten durch Moosonee, sicherstellend, dass für den Besuch des örtlichen Restaurants, des Geschenkeladens und einiger Cree Strassenhändler genügend Zeit war. Danach ging es zum Anleger der Personenfähre nach Moose Factory.

Die Ortschaft Moose Factory liegt etwa drei Kilometer flussaufwärts auf einer Insel im Fluss. Der grösste Teil der 2.000 Einwohner sind ebenfalls Cree, die hier bereits viele Jahrhunderte vor Ankunft der Europäer siedelten. Im Jahre 1673 gründete dann die Hudson Bay Company einen ihrer wichtigsten Handelsposten ("Faktorei", alt-englisch "factory") im Bereich der Hudson Bay. Ein kleines Museum und einige alte Gebäude zeugen heute von diesen Zeiten. Und dann gibt es natürlich "The Bay", das lokale Kaufhaus der immer noch aktiven Hudson Bay Company. Im Gegensatz zu Marmor und Glas in den südlichen grossen Städten ist das Kaufhaus hier eine Mischung aus Tankstelle und Tante-Emma-Laden mit ein paar angrenzenden Lagern für Möbel oder landwirtschaftliche Geräten, sowie, wichtig für die dunklen Winterabende, einer gut ausgestatteten Videothek.

Obwohl heute Moosonee für den Handel mit dem Norden bedeutender als Moose Factory ist, sind sich die Ortschaften sehr ähnlich. Moose Factory beherbergt das regionale Krankenhaus, das für die gesamte westliche Hudson Bay bis zu 1.000 km nach Norden zuständig ist. Die Versorgung Schwerkranker kann natürlich nur auf dem Luftweg erfolgen, im wesentlichen mit SAR Hubschraubern. Und es gibt seit kurzem eine "Eco-Lodge",  ein von Einheimischen betriebenes, ökologisch orientiertes Hotel.

Und doch, es gibt einen Unterschied zwischen den beiden Nachbarorten: im Gegensatz zu Moosonee sind in Moose Factory keine Verkehrsregeln in Kraft. Die daraus resultierende wilde Fahrweise ist aber tolerabel, da die Verkehrsdichte äusserst gering ist. Das Gefährlichste sind die ATV-Rennen der Jugendlichen (ATV = All Terrain Vehicle, eine Art Motorrad mit vier Rädern).

Der Fremdenführer sorgt dafür, dass der Schulbus an allen wichtigen Stellen stoppt, gleich, ob von historischem oder kommerziellen Wert. Das Cree Brot-am-Stock, über einer offenen Feuerstelle im Wigwam gebacken, ist eine ganz neue Erfahrung. Die Wigwams in vielen Gärten stehen allerdings nicht dort wegen der Touristen. Die Cree folgen immer noch ihrer Tradition, im Herbst Elche zu jagen. Das Fleisch wird im Wigwam geräuchert und getrocknet.

Mit Fähre und Bus ging es dann wieder zum Bahnhof in Moosonee pünktlich zur Abfahrt um 18 Uhr. Fast alle Touristen kehrten am gleichen Tag nach Cochrane zurück. Die Zeit von Mittag bis sechs Uhr abends ist voll und ganz ausreichend, um sich einen guten Überblick auf das Leben an der James Bay zu verschaffen. Die wenigen Touristen, die im B&B oder im Motel in Moosonee bleiben (erwarte keinen Südontario-Standard bei Übernachtung und im Restaurant), haben meist spezielle Abenteuertouren vor, Jagen, Fischen, Fracht-Kanu-Fahrt auf dem Moose River oder einen Besuch (per Flugzeug) im Eisbärpark, einem riesigen provinziellem Naturschutzgebiet im Norden.

Unser Zug verliess pünktlich Moosonee. Schon bald darauf ging die Sonne unter und es wurde schnell dunkel. Das war dann die rechte Zeit, den Speisewagen und danach den Salonwagen zu besuchen. Im Salonwagen treten lokale Sänger mit Folk- und Country-Musik auf. Ansonsten versuchten wir, nach einem langen, wenn auch nicht besonders anstrengendem Tag ein bisschen zu schlafen.

Der Zug erreichte den Bahnhof von Cochrane exakt nach Fahrplan kurz nach 22 Uhr. Für uns waren es dann nur noch ein paar Schritte vom Bahnsteig zu unserem Raum im Station Inn. Wenn du noch ein kaltes Bier oder ein gutes Glas Wein trinken möchtest, hast du Pech: das Bahnhofsrestaurant schliesst genau um 22 Uhr kurz vor Ankunft des Zuges. Wenn du nachts durstig bist, sorge bereits am Vortage für den entsprechenden Einkauf. Oder habe zumindest passendes Kleingeld für den Getränkeautomaten.

Am Sonntagmorgen verliessen wir Cochrane nach einem ausgiebigem Frühstück im Bahnhofsrestaurant (akzeptabel und preiswert). Um nicht den gleichen Weg wie auf der Hinfahrt zu nehmen, fuhren wir zunächst westwärts nach Timmins.

Timmins ist eine Kleinstadt und Versorgungszentrum. Die Ortschaft ist eine Gründung aus der Goldgräberzeit. Leider waren wir zu spät dran, um an der Führung durch ein altes Goldbergwerk teilzunehmen. Heutzutage kennen die Fans von Shania Twain Timmins als ihren Heimatort. Das Shania Twain Center ist zugleich der Eingang zur Goldmine.

Von Timmins führt der Highway 144 nach Süden. Nach einer Fahrt von rund 300 km auf einer landschaftlich reizvollen Landstrasse gelangt man nach Sudbury. Sudbury ist die grösste Stadt im Norden Ontarios und das wirtschaftliche Zentrum des sogenannten Nickel-Gürtels von Ontario.

Der Rest der Reise war Routine. Highway 69 und dann Highway 400 verlaufen entlang der Georgian Bay des Huron Sees. Es ist die direkte und vielbefahrene Verbindung mit Toronto.

Zu Hause angekommen, meinten wir, mehr im Spass, nun könne wieder eine Ecke Kanadas abgehakt werden. Aber da war auch das starke Gefühl, dass du Kanada tatsächlich nur "verstehen" kannst, wenn du dem Motto in Kanadas Wappen folgst (auf deutsch): " Von Meer zu Meer zu Meer". J

weitere Fotos in der Fotogallerie

www.town.cochrane.on.ca

www.townofmoosonee.homestead.com

www.polarbearexpress.ca

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